#12 Mehr Arbeitszeit als Wundermittel für Wohlstand? Warum diese Rechnung nicht aufgeht

Die Forderung ist nicht neu, aber sie kehrt regelmäßig wieder und wird z. T. als eine Art Wundermittel gehandelt: Deutschland müsse mehr arbeiten, um den Wohlstand zu sichern. Zuletzt hat Bundeskanzler Friedrich Merz diese Botschaft beim Neujahrsempfang der IHK und Handwerkskammer in Halle (Stand 01/2026) bekräftigt. Doch ist mehr Arbeitszeit tatsächlich die Lösung für die wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands? Eine Betrachtung aus drei Perspektiven zeigt: Die Antwort ist komplexer.

Als BWLerin: Mehr Input bedeutet nicht automatisch mehr Output

Auf den ersten Blick erscheint die Gleichung simpel: Mehr Arbeitszeit führt zu mehr Produktivität, was wiederum den Wohlstand sichert. Dieses Input-Output-Denken ist betriebswirtschaftlich verankert, mehr Ressourceneinsatz sollte mehr Ergebnis bringen.

Die Realität am Arbeitsmarkt zeigt jedoch ein anderes Bild. Aktuell werden zahlreiche Stellen abgebaut oder nicht neu besetzt, die Arbeitslosenquote steigt, und auf LinkedIn sind unzählige Fachkräfte als "open to work" markiert. Das Problem fängt also bereits früher an, nicht dass zu wenig gearbeitet wird, sondern dass viele ihre Arbeitskraft gar nicht einbringen können, obwohl sie wollen.

Die betriebswirtschaftliche Herausforderung bei denjenigen, die einer Erwerbstätigkeit nachgehen, liegt m. E. nicht in zu wenig geleisteter Arbeitszeit, sondern in der Effizienz und Wertschöpfung. Wenn Mitarbeitende ihre Zeit mit redundanten Meetings, unnötiger Bürokratie oder ineffizienten Prozessen verbringen, bringt mehr Arbeitszeit keine besseren Ergebnisse. Die Frage muss vielmehr lauten: Wie können wir die vorhandene Arbeitszeit sinnvoll(er) nutzen?

Als HRlerin: Warum Menschen weniger arbeiten wollen und was Unternehmen tun können

Aus meiner langjährigen HR-Praxis stellt sich eine zentrale Frage: Warum wollen so viele Menschen aktuell weniger arbeiten? Die Antwort liegt m. E. bei den allermeisten nicht in mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern in veränderten Prioritäten und realen Lebensumständen. Von Arbeitsverweigerung und reiner Freizeitorientierung kann in den meisten Fällen keine Rede sein.

Die Realität sieht vielmehr so aus:

  • Eltern müssen sich um ihre Kinder kümmern, Betreuungsplätze für Kinder sind weiterhin rar.

  • Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder psychischen Belastungen müssen auf ihre Energie achten.

  • Pflegende Angehörige benötigen Flexibilität.

Mehr Output heißt zudem nicht automatisch mehr Outcome. Was bringt einem Unternehmen die reine Anwesenheit, wenn kein Mehrwert entsteht? Work-Life-Balance ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für nachhaltige Leistungsfähigkeit. Arbeitsmedizinisch ist belegt, dass dauerhafte Arbeitszeiten von mehr als acht Stunden die Gesundheit gefährden und langfristig zu stressbedingten Erkrankungen führen, von Burnout über Erschöpfungszustände bis hin zu erhöhtem Risiko für Schlaganfälle und Diabetes.

Was bringt es dem Unternehmen, wenn Mitarbeitende aufgrund von Überlastung ausfallen? Psychische Erkrankungen sind zunehmend Grund für Fehlzeiten.

Unternehmen, die Mitarbeitende motivieren wollen, mehr zu leisten, müssen andere Wege gehen:

  • Sinn schaffen: Menschen wollen verstehen, wofür sie arbeiten und welchen Beitrag sie leisten.

  • Flexibilität ermöglichen: Nicht starre Anwesenheitspflicht, sondern selbstbestimmte Arbeitszeiteinteilung fördert Motivation und Produktivität.

  • Arbeitszeitsouveränität gewähren: Mitarbeitende brauchen Einfluss auf die Verteilung ihrer Arbeitszeit, nicht nur die Arbeitgeber sollten dies bestimmen.

  • Bürokratie abbauen: Weniger sinnlose Prozesse auch im Austausch mit staatlichen Stellen, bedeuten mehr Zeit für wertschöpfende Tätigkeiten.

  • Gesundheit fördern: Präventionsmaßnahmen und ein gesundheitsbewusstes Arbeitsumfeld zahlen sich langfristig aus.

Es ist erwiesen: Mehr ist nicht gleich besser. Qualität der Arbeit entsteht nicht durch Quantität der Stunden.

Als Transformatorin: Alte Lösungen für neue Probleme?

Aus meiner Transformations-Perspektive offenbart die Debatte ein grundsätzliches Problem: Deutschland versucht, neue Herausforderungen mit alten Mitteln zu lösen. Die Forderung nach mehr Arbeitszeit ist eine klassische industrielle Denkweise: mehr Input gleich mehr Output. Doch in einer wissensbasierten, digitalisierten Wirtschaft funktioniert diese Logik nicht mehr.

Die eigentlichen Fragen lauten:

  • Wo bleiben die Diskussionen über innovative Geschäftsmodelle?

  • Wie können wir zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die international wettbewerbsfähig sind?

  • Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Innovation überhaupt entstehen kann?

Deutschland kämpft mit strukturellen Problemen: überbordende Bürokratie, langsame Digitalisierung, träge Genehmigungsverfahren, veraltete Infrastruktur. Die wirtschaftliche Flaute ist nicht das Ergebnis von zu wenig Arbeitsleistung, sondern von zu wenig Innovation, fehlender Risikobereitschaft und zu viel Hemmnis.

Ein innovationsfreundliches Klima entsteht nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch:

  • Bürokratieabbau: Schnellere Genehmigungsverfahren, weniger Regularien

  • Investitionen in Forschung und Entwicklung: Förderung neuer Technologien und Geschäftsmodelle

  • Digitalisierung der Verwaltung: Prozesse vereinfachen, nicht verkomplizieren

  • Risikobereitschaft fördern: Scheitern als Lernmöglichkeit begreifen, nicht als Versagen

  • Bildung und Weiterbildung: Qualifikation der Arbeitskräfte für die Anforderungen von morgen

Die Transformation erfordert ein Umdenken: Nicht mehr Arbeitszeit ist die Lösung, sondern bessere Arbeit an den richtigen Themen mit den richtigen Rahmenbedingungen.

Was oft übersehen wird: Der demografische Faktor und die Care-Arbeit

Ein Aspekt, der in der Debatte zu kurz kommt, ist die demografische Entwicklung. Deutschland altert, und damit steigt der Bedarf an Pflegeleistungen massiv. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte in der Pflege, ein Bereich, der ohnehin schon durch hohe Arbeitsbelastung gekennzeichnet ist.

Frauen wenden durchschnittlich rund 30 Stunden pro Woche für unbezahlte Care-Arbeit auf, Männer rund 21 Stunden. Diese Arbeit ist unverzichtbar für das Funktionieren der Gesellschaft, wird aber in der Debatte um "mehr Arbeitszeit" systematisch ausgeblendet.

Wer fordert, dass Menschen mehr (Erwerbs-)Arbeit leisten sollen, muss die Frage beantworten: Wer übernimmt dann die Care-Arbeit? Ohne Ausbau der Kinderbetreuung, bessere Pflegeinfrastruktur und faire Verteilung dieser Aufgaben ist die Forderung nach mehr Erwerbsarbeit schlicht nicht umsetzbar.

Fazit: Nicht mehr, sondern anders arbeiten

Die Debatte um "mehr Arbeitszeit" greift zu kurz. Deutschland braucht keine längeren Arbeitstage, sondern ein grundlegendes Umdenken:

  • Effizienz statt Quantität: Bessere Prozesse, weniger Bürokratie, mehr Fokus auf Wertschöpfung

  • Qualität statt Präsenz: Ergebnisse zählen, nicht Anwesenheitsstunden

  • Innovation statt Verharren: Neue Lösungen für neue Probleme entwickeln

  • Balance statt Burnout: Nachhaltige Leistungsfähigkeit sichern statt Mitarbeitende zu verschleißen

  • Flexibilität statt Starrheit: Arbeitsmodelle an Lebensrealitäten und -phasen anpassen

Der Wohlstand Deutschlands wird nicht durch mehr Stunden am Arbeitsplatz gesichert, sondern durch intelligentere Arbeit, innovative Produkte und zukunftsfähige Rahmenbedingungen.

Wie geht dein Unternehmen damit um?

Die Debatte betrifft uns alle: Führungskräfte, HR-Verantwortliche, Mitarbeitende. Es lohnt sich, folgende Fragen zu reflektieren:

  • Wie innovationsoffen ist dein Unternehmen wirklich?

  • Wo stehen sinnlose Bürokratie und ineffiziente Prozesse der Wertschöpfung im Weg?

  • Wie unterstützten ihr Mitarbeitende dabei, ihre Arbeitszeit sinnvoll zu gestalten?

  • Welche Rahmenbedingungen schafft ihr, damit Teams produktiv arbeiten können, ohne sich dabei zu verschleißen?

Die Zukunft der Arbeit liegt nicht in "mehr vom Gleichen", sondern in besseren, intelligenteren und menschengerechteren Lösungen. Unternehmen, die dies verstehen und umsetzen, werden nicht nur wettbewerbsfähiger sein, sie werden auch die attraktiveren Arbeitgebende sein.

Wie siehst du das? Teilen deine Gedanken und Erfahrungen, die Diskussion ist eröffnet.