Es ist Anfang 2026 und die politische Debatte nimmt Fahrt auf: Nach „wir müssen mehr arbeiten" und „die Deutschen sind zu viel krank" steht nun der Rechtsanspruch auf Teilzeit zur Diskussion. Aus der Politik kommt der Vorschlag, diesen für sogenannte „Lifestyle-Teilzeit" abzuschaffen, mit dem Ziel, die Produktivität zu erhöhen. Die dahinterstehende Logik: Weniger Teilzeit gleich mehr Arbeitsstunden gleich höhere Produktivität.
Doch ist dieser vermeintlich klare Ursache-Wirkungs-Zusammenhang wirklich so eindeutig? Meine Antwort ist ein klares Nein. Und das hat gute Gründe, die ich dir anhand konkreter Beispiele aus meiner HR-Praxis erläutern möchte.
Die Realität ist komplexer als politische Parolen
Lass mich dir von zwei Arbeitnehmern erzählen, die stellvertretend für viele Situationen stehen, die ich kürzlich erlebt habe und die keine Klischees bedienen.
Beispiel 1: Ein Elektroingenieur, Ende 50, seit Jahrzehnten in Vollzeit bei einem Großkonzern tätig, der derzeit Umstrukturierungen durchläuft. Seine Kinder studieren noch, seine Frau muss bis 67 arbeiten und finanzielle Entspannung ist noch nicht in Sicht. Trotzdem erzählt er mit leuchtenden Augen, dass er auf den Tag hinfiebert, an dem er in Altersteilzeit gehen kann. Noch 1,5 Jahre durchhalten, dann Start mit der Altersteilzeit, von da an noch 2,5 Jahre bis zum Ende des Berufslebens. Er ist nicht krank, keine Weltreise wartet, kein besonderes Hobby. Aber seine Motivation, seine Arbeitsleistung und seine jahrzehntelange Expertise einzubringen? Offensichtlich nahe am Nullpunkt.
Beispiel 2: Ein Informatiker, Mitte 50, arbeitet seit Jahren 30 Stunden pro Woche bei einem großen Mittelständler, weil er sich mit seiner Frau die Kinderbetreuung teilt. Die Kinder sind nun älter, der Job macht ihm Spaß, er hat viel zu tun und möchte dauerhaft auf mind. 35 Stunden aufstocken. Die Unternehmensrealität? Das Unternehmen stellt zwar ein, schafft aber keine offiziellen Stellen. Ergebnis: nur eine zeitlich befristete Erhöhung für sechs Monate ist möglich. Danach – mal schauen.
Was diese Beispiele über Produktivität und Motivation verraten
Diese beiden Situationen zeigen eindrücklich: Der Zusammenhang zwischen Arbeitszeit, Produktivität und Motivation ist alles andere als linear. Ein Vollzeit-Ingenieur im inneren Rückzug bringt vermutlich weniger produktive Leistung als ein motivierter Teilzeitbeschäftigter, der seine Arbeit mit Engagement und Fokus erledigt.
Gerade für mittelständische Unternehmen ist diese Erkenntnis entscheidend. Du kannst es dir nicht leisten, Gehälter für unmotivierte Vollzeitmitarbeitende zu zahlen, die nur noch ihre Zeit absitzen. Gleichzeitig kämpfst du im Recruiting gegen größere Unternehmen, die oft mehr Gehalt bieten können. Flexible Arbeitszeitmodelle können hier zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden.
Was braucht Transformation wirklich? Aus HR-Sicht vor allem motivierte, offene und flexible Mitarbeitende, die bereit sind, neue Wege zu gehen und ihr Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Ohne diese Menschen wird Transformation schlichtweg nicht funktionieren. Mitarbeitende sind Erwachsene, je mehr sie reglementiert werden, umso eher werden sie das Unternehmen verlassen oder ihre Motivation an der Firmentür zurücklassen.
Die Realität hinter Teilzeitwünschen
In meiner langjährigen HR-Erfahrung im Mittelstand war die Frage nach Teilzeit bei den allerwenigsten aus reinen „Lifestyle"-Gründen. – Ein Begriff, finde ich, der ohnehin eine gewisse Geringschätzung transportiert. Tatsächlich geht es sehr oft um Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen, was privat mit Stress verbunden ist. Oder Menschen merken selbst, dass sie nicht mehr so belastbar sind wie früher und mehr Zeit für Erholung benötigen.
Auch wirtschaftlich kann Teilzeit für dich als Arbeitgeber vorteilhaft sein: Weniger Arbeit bedeutet weniger Gehalt. Was aber bringt es deinem Unternehmen, wenn jemand zwar körperlich anwesend ist, mit Gedanken und Energie aber ganz woanders? Präsentismus ist teurer als Teilzeit – durch Fehler, mangelnde Initiative und die negative Wirkung auf das gesamte Team.
Flexibilität als Wettbewerbsvorteil für KMU
Mehr denn je bist du als mittelständischer Unternehmer auf gesunde, engagierte und flexible Mitarbeitende angewiesen. Warum also nicht als Gegenleistung auch Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung bieten? In vielen Rollen ist Teilzeit möglich, wenn im Team geklärt ist, wie Aufgaben verteilt sind und wann es Zeiten für gegenseitigen Austausch gibt.
Die Praxis zeigt: Unternehmen, die flexible Arbeitszeitmodelle anbieten, haben im Recruiting deutliche Vorteile. Sie erreichen qualifizierte Fachkräfte, die aufgrund persönlicher Umstände keine Vollzeitstelle suchen können und erschließen sich damit einen Talentpool, den viele Wettbewerber ignorieren.
Und zum vielzitierten Fachkräftemangel: Derzeit sind viele qualifizierte Menschen ohne Beschäftigung und sehr offen für eine neue Chance. Die Jobsuche ist aber oft zäh, gerade für sehr junge oder ältere Arbeitnehmende. Der echte Fachkräftemangel zeigt sich vor allem in Pflegeberufen und im Handwerk. Ausgerechnet dort könnte mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit diese Jobs attraktiver machen und nicht weniger.
Fazit: Die falschen Stellschrauben
Soll Deutschland wettbewerbsfähiger werden und sich weiterentwickeln, gibt es wirksamere Hebel als die Abschaffung des Rechts auf Teilzeit. Unternehmen brauchen keine Mitarbeitenden, die innerlich gekündigt haben, aber aus Rechtsgründen Vollzeit präsent sein müssen. Sie brauchen Menschen, die motiviert sind, sich einbringen und aktiv an Veränderungen mitwirken.
Flexible Arbeitszeitmodelle sind kein Produktivitätskiller – sie sind ein Motivationsfaktor und ein wichtiger Baustein für erfolgreiche Transformation. Wer das nicht erkennt, verkennt die Realität moderner Arbeitswelten grundlegend.
Deine Perspektive ist gefragt
Wie siehst du das Thema Teilzeit in deinem Unternehmen? Welche Erfahrungen hast du mit flexiblen Arbeitszeitmodellen gemacht? Sind sie in deiner Branche praktikabel umsetzbar? Ich freue mich auf den Austausch über wirksame Stellschrauben für mehr Produktivität und Motivation.