Manchmal sind es die kleinen Beobachtungen im Alltag, die uns zeigen, wo wir stehen. Nehmen wir mal den Verkehr, speziell die Fußgänger. Ich wohne zwar in einem Ballungsgebiet, aber ländlich. Früher war es üblich, dass man sich als Fußgänger auf der Straße gegrüßt hat. Nach mehrfachem Treffen und Grüßen merkte man, so langsam kommen wir uns näher, und je nachdem kam es in einem nächsten Schritt zu einem Plausch. Kein sofort „Liebe oder Lieber", sondern langsame Annäherung.
Heute sieht es vielfach anders aus. Personen, die alleine unterwegs sind, starren während des Gehens auf ihr Smartphone. Menschen in Gruppen sind meist so miteinander beschäftigt, dass sie an engeren Stellen wie zum Beispiel Gehwegen wie selbstverständlich den gesamten Raum einnehmen, und der oder die andere entweder einen Zusammenstoß riskiert oder ausweichen muss.
Nostalgie oder echtes Problem?
Ist das nun traurige Nostalgie, der ich nachhänge, oder haben Höflichkeit und Freundlichkeit eine positive Wirkung und Nutzen, vielleicht sogar für alle? Das ist aus meiner Sicht eine rhetorische Frage. Denn im Umkehrschluss: Ist es nicht für alle Beteiligten angenehmer, wenn man sich respektvoll und freundlich behandelt? Und zwar bilateral – sowohl für denjenigen, der Adressat des freundlichen Verhaltens ist, als auch für die Person, die freundlich ist. Spüre doch selbst mal nach... Und überlege, welche Erfahrungen du gemacht hast.
Der übersehene Zusammenhang mit Transformation
Was hat das mit Transformation zu tun? Ich finde, die Verkehrssituation kann sehr wohl auf den Unternehmenskontext und speziell auf den Aspekt Transformation übertragen werden. Man begegnet sich auf dem Büroflur. Läuft man grußlos aneinander vorbei oder lächelt man sich an und sagt freundlich „Hallo"? Geht man ein paar Schritte ins nächste Büro, um etwas zu klären, oder schreibt man eine E-Mail, obwohl der oder die Kolleg:in nur zwei Türen weiter sitzt?
Genau wie auf dem Gehweg nehmen manche im Büro den gesamten Raum ein. Sie dominieren Meetings, ohne anderen Raum zu geben. Sie schicken E-Mails um 23 Uhr und erwarten schnelle Antworten. Sie laufen durch die Gänge, den Blick fest auf ihr Smartphone gerichtet, ohne wahrzunehmen, wer ihnen begegnet.
Und was machen die anderen? Sie weichen aus. Sie passen sich an. Sie schlucken ihre Bedenken herunter. Sie nicken in Meetings, obwohl sie anderer Meinung sind. Genau wie auf dem Gehweg: Lieber ausweichen, als einen Konflikt riskieren.
Warum das Selbstverständliche so wichtig ist
Gerade wenn es um tragfähige Transformation geht, ist ein freundlicher Umgang miteinander hilfreich, wenn nicht gar essenziell. Transformation, die nicht nur auf dem Papier steht, sondern gelebt wird, wird viel leichter gelingen, wenn Menschen sich freundlich und respektvoll behandelt fühlen. Das ist die Basis für Vertrauen und Offenheit.
Wenn diese nicht vorhanden ist oder nicht authentisch ist, werden Menschen nicht gewonnen und motiviert. Sie werden skeptisch, kritisch und verschlossen bleiben. Adjektive, die sich negativ auf Veränderungsnotwendigkeiten auswirken. Denn wenn ich umgestalten und die Menschen aus der Komfortzone holen will, brauche ich einen sicheren, respektvollen Rahmen.
Was psychologisch passiert, wenn Respekt fehlt
Schauen wir genauer hin, was im Menschen vorgeht, wenn grundlegende Höflichkeit fehlt. Wenn ich auf dem Gehweg ausweichen muss, weil andere rücksichtslos den gesamten Raum beanspruchen, löst das in mir eine Reaktion aus: Ich fühle mich nicht gesehen, nicht wichtig genug, vielleicht sogar überflüssig oder werde ärgerlich. Das ist kein Drama, kein bewusster Gedanke, aber es ist ein Signal, das mein Gehirn registriert und abspeichert.
Im Unternehmenskontext funktioniert das genauso. Wenn meine Idee in einem Meeting konsequent überhört wird, wenn meine E-Mails unbeantwortet bleiben, wenn die Führungskraft beim Gespräch mit mir ständig aufs Smartphone schaut, dann speichert mein Gehirn: „Hier bin ich nicht wichtig. Hier zähle ich nicht." Das geschieht meist unbewusst, aber die Wirkung ist real und nachhaltig.
Die Konsequenz? Menschen ziehen sich zurück. Sie beteiligen sich weniger, bringen ihre Ideen nicht mehr ein, machen „Dienst nach Vorschrift". Nicht aus Bösartigkeit, sondern aus einem tief verwurzelten Schutzmechanismus: Wenn ich mich nicht einbringe, kann ich auch nicht verletzt oder übersehen werden.
Die Kosten des Übersehens – ganz konkret
Was bedeutet das für dein Transformationsprojekt? Lass uns konkret werden:
Szenario 1: Die verschwundene Innovation Eine Mitarbeiterin hat eine Idee, wie ein Prozess effizienter gestaltet werden könnte. In der Vergangenheit hat sie mehrfach versucht, solche Vorschläge einzubringen, wurde aber regelmäßig unterbrochen oder mit einem knappen „Dafür haben wir jetzt keine Zeit" abgewimmelt. Heute hat sie wieder eine Idee. Aber sie behält sie für sich. Die Innovation findet nicht statt. Nicht weil sie nicht da wäre, sondern weil der Raum dafür fehlt.
Szenario 2: Das schweigende Meeting In der Transformations-Kick-off-Veranstaltung fragt die Geschäftsführung: „Gibt es noch Fragen?" Schweigen. „Dann sind wir uns ja einig." Nach dem Meeting auf dem Flur: Überall wird diskutiert, es gibt Bedenken, Unsicherheiten, offene Fragen. Aber niemand hat sie im Meeting geäußert. Warum? Weil die Erfahrung zeigt: Kritische Fragen werden als „nicht konstruktiv" wahrgenommen. Wer fragt, gilt als Bremser.
Die Konsequenz: Das Projekt startet mit scheinbarem Konsens, aber ohne echtes Commitment. Drei Monate später wundern sich alle, warum die Umsetzung stockt.
Szenario 3: Der stille Exodus Die besten Leute kündigen. Nicht alle auf einmal, aber nach und nach. Im Austrittsgespräch sagen sie: „Ich habe ein besseres Angebot bekommen." Das stimmt vermutlich auch. Aber der eigentliche Grund liegt tiefer: Sie fühlen sich nicht wertgeschätzt. Nicht gesehen. Sie haben das Gefühl, dass ihre Arbeit, ihre Person, ihre Beiträge nicht zählen. Also gehen sie dorthin, wo sie das Gefühl haben, dass sie zählen.
Das psychologische Muster dahinter
Warum reagieren Menschen so? Weil unser Gehirn ständig nach Mustern sucht und Erfahrungen abspeichert. Wenn ich wiederholt erlebe, dass meine Beiträge nicht wichtig genommen werden, bildet sich ein inneres Narrativ: „Hier lohnt es sich nicht, mich einzubringen." Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine automatische Schutzreaktion.
Psychologen nennen das „erlernte Hilflosigkeit". Das ist ein Zustand, in dem Menschen aufhören, aktiv zu handeln, weil sie gelernt haben, dass ihr Handeln keinen Unterschied macht. Im Unternehmenskontext zeigt sich das in Passivität, innerem Rückzug und dem berühmten „Das haben wir schon immer so gemacht."
Gleichzeitig gibt es das Gegenteil: Wenn Menschen sich gesehen und wertgeschätzt fühlen, entwickeln sie Eigeninitiative, denken mit, übernehmen Verantwortung. Nicht weil sie dazu gezwungen werden, sondern weil sie Teil von etwas sein wollen, das sie als sinnvoll erleben und in dem sie als Person zählen.
Was konkret zu tun ist
Es braucht keine großen Programme, ein extra Kommunikationstraining oder aufwendigen Initiativen. Es braucht die Rückbesinnung auf das scheinbar Selbstverständliche:
Nimm dir den Raum, aber nicht den ganzen Raum. Wie auf dem Gehweg gilt auch im Büro: Ja, du hast wichtige Themen und Anliegen. Aber die anderen auch. Achte darauf, in Meetings nicht nur zu senden, sondern auch zu empfangen. Gib anderen Raum, ihre Gedanken zu äußern.
Schau auf, nicht nur aufs Display. Wer ständig auf sein Smartphone oder seinen Laptop starrt, signalisiert: „Du bist nicht wichtig genug für meine volle Aufmerksamkeit." In Gesprächen gilt: Gerät weg, Blickkontakt her.
Grüße. Klingt banal? Ist es auch. Aber wie oft laufen wir aneinander vorbei, ohne uns wirklich wahrzunehmen? Ein freundliches „Guten Morgen" kostet nichts und bewirkt viel. Es signalisiert: Ich sehe dich. Du bist Teil dieses Teams.
Gehe rüber, statt zu schreiben. Wenn jemand zwei Türen weiter sitzt, geh die paar Schritte. Der direkte Austausch ist nicht nur effizienter, er baut auch Beziehung auf. Und Beziehung ist das Fundament für Vertrauen.
Schaffe Begegnungsräume. Nicht nur formale Meetings, sondern Gelegenheiten für echten Austausch. Gemeinsame Pausen, kurze Spaziergänge, informelle Runden. Hier passiert oft mehr als in manch strukturiertem Workshop.
Freundlichkeit als Fundament – und was passiert, wenn es fehlt
Freundlichkeit ist dabei sicherlich nicht alles, aber ein wichtiger Pfeiler, der vieles trägt und leichter macht. Sie schafft das Klima, in dem Veränderung überhaupt erst möglich wird. Denn Menschen öffnen sich nicht für Neues, wenn sie sich nicht sicher und respektiert fühlen.
Denke an deine eigenen Erfahrungen: Wann bist du am ehesten bereit, neue Wege zu gehen? Wahrscheinlich dann, wenn du dich in einem Umfeld befindest, in dem du dich wertgeschätzt fühlst. In dem man dir freundlich begegnet. In dem du Fehler machen darfst, ohne gleich verurteilt zu werden.
Und umgekehrt: Wann hältst du dich am stärksten zurück? Vermutlich in Situationen, in denen du dich nicht sicher fühlst, nicht respektiert, nicht gesehen. In solchen Momenten fokussieren wir uns auf Selbstschutz, nicht auf Innovation oder Veränderungsbereitschaft.
Die harten Fakten hinter dem weichen Faktor:
Das mag nach „Soft Skills" klingen, nach etwas, das man sich leistet, wenn alles andere läuft. Aber die Konsequenzen sind messbar und kostspielig:
Produktivitätsverlust: Der Gallup Engagement Index Deutschland 2024 zeigt: 113,1 bis 134,7 Milliarden Euro gingen der deutschen Wirtschaft allein durch innere Kündigung und daraus resultierende Produktivitätsverluste verloren. Nur 9 Prozent der Beschäftigten hatten eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber, das ist ein historischer Tiefstand.
Hohe Fluktuation: Recruiting-Kosten für eine Fachkraft liegen schnell bei 50.000 Euro und mehr. Und häufig gehen gerade die, die das Unternehmen am wenigsten verlieren will.
Gescheiterte Projekte: Transformationsprojekte scheitern laut Studien in 60-70% der Fälle. Nicht an der Strategie, sondern an der Umsetzung. Sprich: an den Menschen, die nicht mitziehen.
Krankenstand: Ein schlechtes Arbeitsklima macht nachweislich krank. Burn-out, Erschöpfung, psychische Belastungen. Die daraus entstehenden Kosten tragen am Ende alle.
Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Ihre Budgets, deine Projekte, deine Mitarbeitenden.
Der erste Schritt
Vielleicht nimmst du dir einen Moment Zeit und überlegst: Wie ist das bei dir im Unternehmen? Grüßen sich die Menschen auf den Fluren? Nehmen sie sich gegenseitig wahr? Gehen sie aufeinander zu oder weichen sie aus?
Und dann frag dich: Was könntest du selbst dazu beitragen, dass das scheinbar Selbstverständliche wieder selbstverständlich wird? Denn Veränderung beginnt nicht mit großen Strategiepapieren. Sie beginnt mit dem ersten freundlichen Gruß am Morgen.
Manchmal ist es eben doch so einfach. Und manchmal so schwer, weil wir es für so selbstverständlich halten, dass wir es übersehen.
Du möchtest mehr darüber erfahren, wie eine Kultur der Wertschätzung in deinem Unternehmen entsteht? Lass uns ins Gespräch kommen.